Dormitio-Basilika
Die Jerusalemer Christen verehrten auf dem Zionsberg seit alters her das Wohn- und Sterbehaus Mariens. Sie überlieferten, dass zum Tod der Gottesmutter die Apostel von ihren Missionsreisen aus allen Enden der Erde wieder in die Heilige Stadt zurückkamen und sich am Sterbebett Mariens versammelten. Ebenso kommen bis heute Tag für Tag Pilger aus aller Welt in unsere Kirche, um Maria ihre Sorgen und Nöte anzuvertrauen.
Die wechselhafte Geschichte des Ortes
Auch unsere Dormitio-Basilika ist mit ihren knapp einhundert Jahren relativ jung. Doch sie steht auf alten steinernen und mündlichen Zeugen des christlichen Glaubens.
Als der Abendmahlssaal in der Zerstörung Jerusalems durch die römischen Truppen 70 n. Chr. verloren geht, wird auf dem Zion eine judenchristliche Synagoge errichtet, später als „Kirche der Apostel“ bezeichnet. Im vierten Jahrhundert wurde sie um eine kleinere Kirche erweitert. Zu Beginn des fünften Jahrhunderts ersteht an dieser Stelle mit der „Hagia Sion“ eine große byzantinische Basilika, die jedoch schon 614 beim Einfall der Perser wieder zerstört wird. Erst die Kreuzfahrer errichten im 12. Jahrhundert eine neue Kirche, größer als alle ihre Vorgänger. Santa Maria in Monte Sion heißt sie. Doch als die Muslime den Kreuzfahrern 1187 die Stadt wieder entreißen, schleifen sie viele Spuren der kurzen christlichen Zeit. Die steinernen Spuren der Santa Maria findet man nur noch im Bereich des heutigen Abendmahlssaales und tief im Boden unter unserem Kloster und unserer Kirche.
Als die Deutschen sich Ende des 19. Jahrhunderts daran machen, das Grundstück auf dem Zion zu bekommen, ist es immer noch ein Trümmerfeld, hinter dem der Komplex des Nebi Daoud aufragt.
Zwei Steine haben die einheimischen Christen während der Jahrhunderte im Blick behalten: Sie verehrten sie als Steine aus dem Wohn- und Sterbehaus Mariens. Diese beiden Steine haben im Erdgeschoss auf der Außenseite des Turmes ihren Platz gefunden, an den noch heute orientalische Christen kommen, um hier zu beten.
Mehr als 100 Jahre Geschichte einer Kirche
1898 am Reformationstag ist es nach mehrjähriger diplomatischer Aktivität soweit: Nachdem Kaiser Wilhelm II. von Deutschland am Vormittag die deutsche evangelische Erlöserkirche eingeweiht hat, übergibt er am Nachmittag das Grundstück der Dormitio den Vertretern des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL).
Am 7. Oktober wird der Grundstein gelegt. Nach den Plänen des Kölner Erzdiözesanbaumeisters Heinrich Renard führen einheimische Handwerker und Arbeiter jeglicher Konfession und Religion, Sprache und Kultur den Bau des neuen Klosters und der Marienkirche aus. Die Krypta ist 1904 fertig und wird eingeweiht. Zwei Jahre später kommen die ersten Benediktinermönche aus Deutschland auf dem Zion an, noch immer wird gebaut. Erst 1910, am 10. April, wird die Kirche eingeweiht, die im Laufe ihres Lebens ein Schauplatz von Kriegen war und die so zu einem exponierten Ort des Gebets um den Frieden zwischen den Menschen und den Völkern geworden ist. Die Dormitio-Basilika bleibt weiterhin auch in ihrer Ausstattung und inneren Gestaltung eine Stätte der Gottsuche unserer Gemeinschaft.
Das Fußbodenmosaik der Oberkirche
Als eine Art Glaubensbekenntnis und Schöpfungserzählung kann man das Fußbodenmosaik der Oberkirche lesen, das unser Mitbruder Mauritius Gisler entworfen hat und das 1932 ausgeführt wurde:
Im Zentrum markieren drei ineinander verschlungene Ringe die Mitte der Schöpfung. Das Licht des dreieinigen Gottes, seine Wahrheit und Weisheit wird von den großen und kleinen Propheten und den Aposteln und Evangelisten in die Welt hinausgetragen. Immer weitere Ringe legen sich so um die Mitte herum, bis schließlich die Grenzen der Erde erreicht sind – grafisch und in Schriftzügen durch die zwölf Monatsnamen und die zwölf Tierkreiszeichen dargestellt. Umfasst wird das große Kreisbild von einem Zitat aus dem Buch der Sprichwörter:
„In frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde – als die Urmeere noch nicht waren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen – ehe die Berge eingesenkt wurden.“
(vgl. Spr 8,23-25)
Der, der in der Mitte aller Schöpfung steht, der hält sie auch zusammen!
Apsismosaik des Chorraums
Noch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges schuf der Mönch und Künstler Radbod Commandeur aus der Benediktinerabtei Maria Laach das große Apsismosaik, das die Innenansicht der Oberkirche dominiert.
Vier Paare alttestamentlicher Propheten künden die Geburt des Messias. Ihre Botschaft gipfelt in der Verheißung des Propheten Jesaja:
„Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.“
(Jes 7,14)
Auf dem Arm seiner Mutter thront dieser verheißene Sohn und verkündet mit einem geöffneten Buch:
„Ich bin das Licht der Welt.“
(vgl. Joh 12,46)
Die Marmorplatten, die als Verkleidung für den unteren Teil der Apsis vorgesehen waren, konnten wegen des Krieges nicht mehr von Deutschland nach Palästina transportiert werden und gingen mit der Kölner Spedition, bei der sie lagerten, in den Bombenangriffen verloren. Das Apsismosaik ist und bleibt damit unvollendet.
Die Marienfigur in der Krypta
Wie das große Apsismosaik ist auch die Dormitio-Figur im Zentrum der Krypta ein Werk von Bruder Radbod Commandeur OSB (Maria Laach).
Tag für Tag knien Hunderte von Pilgern um die liegende Marienstatue, die im Sterben auf ihren Sohn blickt: Aus dem Kuppelmosaik über ihr wartet Er mit weit geöffneten Armen auf sie, um sie mit Leib und Seele in den Himmel aufzunehmen. Umgeben ist er von sechs Frauen des Alten Bundes, die ihren je sehr eigenen Weg mit Gott gegangen sind: Eva und Mirjam, Ruth und Esther, Jael und Judith.
Ursprünglich war das Gewand der Marienfigur aus Silber getrieben und vergoldet. Geblieben ist nach dem 1948er Krieg und der Besetzung der Kirche nur noch der Holzkern. Auch die Elfenbeinhände mussten ersetzt, die Nase im ebenfalls elfenbeinernen Gesicht repariert werden.
Die Kriege der Menschen, ihre Gewalt gegeneinander hinterlassen ihre Spuren auch im Gesicht der Heiligen. – Doch auch die Verwundungen und Nöte der Menschen haben ihren Platz bei den Heiligen.
Unsere Glocken
Das Geläut der vier Glocken in unserem Glockenturm über dem Zion konnte 2025 durch zwei neue Glocken erweitert werden.
Für die nun insgesamt sechs Glocken hat unser Glockensachverständige Daniel Orth in Absprache mit Pater Simeon eine ausgefeilte Läuteordnung entwickelt, die die liturgischen wie musikalischen Rahmenmöglichkeiten in den Blick nimmt und zu verschiedenen Anlässen über den Tag wie übers Kirchenjahr auch in verschiedenen Weisen die Glocken selbst beten lässt und uns Mönche und die, die mit uns sind, zum Gebet ruft.
Die ursprünglichen Glocken
Die vier ursprünglichen Glocken wurden 1909 von der Glockengießerei Otto (Hemlingen/Bremen) gegossen und am 8. April 1910 geweiht.
Die größte Glocke trägt das Patronat „Christus Salvator“ (Ton cis‘), ist 2327 kg schwer und hat einen unteren Durchmesser von etwa 150 cm. Sie kommt vor allem bei größeren Gottesdiensten zum Einsatz, aber auch beim Trauergeläut und natürlich beim Festgeläut aller sechs Glocken.
Die zweitgrößte Glocke ist der Gottesmutter Maria geweiht. Die ursprüngliche Glocke wurde in den Kriegen so stark beschädigt, dass sie 1971 durch eine neue Glocke ersetzt werden musste (Glockengießerei Gebhard/ Kempten), mit 127 cm unterem Durchmesser, 1288 kg schwer, Ton e‘ (beim Neuguss etwas erhöht). Diese Marienglocke ist alleine jeden Tag um 12:00 Uhr zu hören, wenn sie zum Angelus läutet.
Zwei weitere Glocken sind Bonifatius (Ton fis‘, 115 cm, 993 kg) und Elisabeth (Ton gis‘, 100 cm, 683 kg) geweiht.
Die neuen Glocken
Am 10. April 2025, genau 115 Jahre nach der Weihe der Dormitio-Basilika, wurden die zwei neuen Zimbel-Glocken geweiht, beide von Rudolf Perner (Passau) gegossen.
Die Nikodemus-Glocke hat einen unteren Durchmesser von 51,5 cm und ein Gewicht von 114,5 kg, sie schlägt auf den Ton ais‘‘. Sie ist, wie auch ihre untere Umschrift erzählt, eine Stiftung von Barbara und Karl Seidenschwann anlässlich der Abtsbenediktion von Abt Nikodemus an Pfingsten 2023.
Die Georgs-Glocke schlägt auf den Ton cis‘‘‘, wiegt 68,5 kg und hat einen unteren Durchmesser von 43,4 cm. Die Passauer Georgs-Ritter, die diese Glocke gestiftet haben, verbinden damit insbesondere den Gedanken einer Friedensglocke. Wann immer sie erklingt, erhebt sich damit über der Heiligen Stadt auch eine feine Gebetsstimme für den Frieden im Heiligen Land und in der ganzen Welt.