Ein Brief über das Wort Gottes
23. Januar 2022 | Impulse
Predigt von Pater Simeon am 3. Sonntag im Jahreskreis
Für unseren Pater Simeon ist das heutige Evangelium eine Steilvorlage für einen fiktiven Brief des Evangelisten Lukas an Theophilus. Für ihn hatte der Evangelist die Geschichte Jesu, nachdem er allen Berichten sorgfältig nachgegangen war, niedergeschrieben ‒ und sicherlich hatte Theophilus nach dem ersten Lesen viele Fragen. Eine Frage, die auch uns in unserem Glauben immer wieder begleitet ‒ was bedeutet „Wort Gottes“? ‒, wird sich sicherlich auch Theophilus gestellt haben; und Pater Simeon sucht mit uns im Evangelium des Lukas eine Antwort.
„Hochverehrter Theophilus,
es freut mich, dass Du mein Evangelium und meine Apostelgeschichte, die ich für Dich niedergeschrieben habe, mit so viel Interesse und Zustimmung gelesen hast. Es war nicht einfach allem von Grund auf nachzugehen. Ich habe versucht, mich an die Überlieferung derer zu halten, die Augenzeugen waren, und alles aufzuschreiben. Wie ich am Anfang meiner Jesus-Geschichte schreibe, haben schon viele über die Geschehnisse berichtet und auf diese Weise der Nachwelt die überwältigenden Ereignisse, die damals passiert sind, weitergegeben. Aber weil Du darum gebeten hattest, deswegen bin ich der Frohen Botschaft von Grund auf nachgegangen.
Ja, so wie Du, so bin auch ich von Jesus Christus, dem Gottessohn, von seiner Botschaft und seinem Auftreten im Innersten berührt. So konnte ich gut verstehen, dass Du etwas mehr Zuverlässigkeit, etwas mehr sichere Tatsachen, über Jesu beeindruckende Lehre, von der Du schon so viel gehört hast und die Du selbst auch weitergeben möchtest, erlangen wolltest.
Nun, nachdem Du das Evangelium und die Apostelgeschichte gelesen hast, fragst Du mich in Deinem letzten Brief danach, was genau ich unter dem Wort Gottes verstehe. Ich schreibe ja, in meinem Prolog zum Evangelium, dass ich mich an die ‚Augenzeugen und Diener des Wortes‘, des Wortes Gottes gehalten habe. Um es gleich vorwegzusagen, möchte ich diesen Brief, den ich Dir von Athen aus schicke, in keiner Weise gleichwertig ansehen mit den beiden umfangreichen Werken, die ich Dir zukommen ließ. Nein, diese Werke sind im Gebet entstanden ‒ gleich als ob eine unsichtbare Hand meine Feder geführt hätte ‒ und es freut mich zu hören, dass sie sogar hier und da im Gottesdienst Verwendung finden. Sie sind in der Tat Frohe Botschaft von Jesus Christus, dem Gottessohn! Nun aber geht es um die Auslegung des Geschriebenen.
Um zu verstehen, was dieses Wort Gottes ist, möchte ich Dich auf das vierte Kapitel meines ersten Buches verweisen. Ich denke, hier wird besonders deutlich, was ich Dir heute vermitteln will. Was ist das Wort Gottes? Eine Antwort findet sich in Jesu erstem öffentlichen Auftreten. Er steht in der Synagoge in Nazareth und sagt: ,Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt‘ (Lukas 4,21). Die Schriftrolle mit dem Buch des Propheten Jesaja war Jesus gereicht worden. Er musste nicht lange suchen, bis er die entscheidende Stelle gefunden hatte. Es ist die göttliche Heilsverheißung, die vom Messias, den Jesaja ankündigt, verkündet wird. ‚Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.‘ Diese frohe Botschaft - dieses Heilswort - ist die Zusage der Verwandlung der Situationen der Bedrängnis in eine Zeit des Heils. Die Heilszeit ist da. Ja, Jesus ist selbst dieses Wort des Heils; in ihm ist es Fleisch geworden. Die Heilsverheißung hat sich erfüllt in einer Person. Glaubst Du das, Theophilus? Kannst Du es Dir vorstellen?
Nun wirst Du sagen: ‚Ich sehe das nicht. Ich bin weder Augen- noch Ohrenzeuge. Ich sitze heute in meiner Gemeinde und nicht in der Synagoge von Nazareth. Ich kann mich nur auf die Berichte der zweiten oder dritten Generation stützen.‘ Und Du fragst sicherlich: ‚Wie kann ich trotzdem heute glauben ‒ an dieses Wort Gottes?‘ Die Antwort liegt in der Überlieferung der Kirche, in der Du unterrichtet wurdest. Ich bin überzeugt, dass Tradition weitergegeben wird, durch diejenigen, die sich in Jesu Namen versammeln ‒ von Generation zu Generation durch die Jahrhunderte. Unser Glaube baut nicht auf Mythen auf, sondern auf geschichtliche Ereignisse. Was in der Kirche geglaubt und gelebt wird, hat seinen Urgrund in Jesus Christus, der damals das Wort in Nazareth sprach: ‚Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt!‘
Es braucht auch heute Dienerinnen und Diener des Wortes, damit diese Wort Gottes weitergegeben werden kann. Dann bin ich überzeugt, dass ER, das lebendige Wort, auch weiterlebt inmitten seiner Gemeinde, inmitten seiner Gläubigen ‒ und sich das Heilswort auch heute erfüllt. Als Diener des Wortes, hochverehrter Theophilus, bist Du dann in der Tat, das, was dein Name ausdrückt, ein Gottesfreund. Möge auch ich ein solcher werden. Nur Mut, lieber Gottesfreund! Ich grüße dich mit einem heiligen Gruß in Christus Jesus. Dein Bruder im Glauben, Dein Lukas“
Pater Simeon und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag!