Fangen und fangen lassen

6. Februar 2022 | Impulse

Predigt von Pater Elias zum 5. Sonntag des Jahreskreises

„Ein markanter Satz trifft Petrus mitten ins Herz. Er lässt alles stehen und liegen, weil Jesus zu ihm spricht: ‘Von nun an wirst Du Menschen fangen‘ ‒ der Fischfänger wird zum Menschenfischer. Wer schon einmal gefischt hat, der oder die weiß: Es bedarf viel Geduld und des Wissens darum, wo man die Fischschwärme findet. Doch Menschen zu fischen, dass klingt eher nach Gewalt und billigen Tricks ‒ jemanden zu fangen, bedeutet jemandem die Freiheit zu rauben.

Als ich noch ein kleines Kind war, spielte ich gerne Fangen und ließ mich auch gerne fangen ‒ denn es war ein Spiel. Und wenn ich es mit meinen Eltern oder meine Schwester spielte, warten, nachdem sie mich gefangen hatten, eine Umarmung und viele Küsse auf mich. Doch schon als Kind lernt man, dass das eigentliche Ziel bei diesem Spiel ist, nicht gefangen zu werden ‒ denn ansonsten verliert man.

Ein Menschenfischer ‒ im christlichen Sinne - zu sein, ist kein Spiel. So wie Fischer oft darüber klagen, dass sie viel ‚gearbeitet‘ haben, aber nichts gefangen haben, so klagen auch viele Eltern, Lehrer, Katecheten und Seelsorger: Unsere Netze sind leer. So ging es schon den Fischern in der Bibel. Wenn die Jünger auf eigene Faust fischen, fangen sie wenig oder nichts. Wenn sie ‚auf sein Wort hin‘ ihre Netze auswerfen, sind sie erfolgreich; die Fische kommen wie von selbst in unglaublich großer Anzahl.
Heutzutage denkt man bei dem Wort ‚Netz‘ eigentlich nicht mehr ans Fischen, sondern eher an Verbindung und Kommunikation. Soziale Netzwerke stehen für die Möglichkeit an Informationen zu kommen und mit anderen verbunden zu sein. Die Kehrseite ist jedoch die Abhängigkeit; manche sind direkt süchtig. Wehe dem, der kein Netz hat, keine Verbindung. Viele geraten dann in eine Krise. Im positiven Sinne ist die Kirche auch ein Netz. Die Gemeinschaft im Glauben hält zusammen. Gottes Ruf, die Begeisterung für Christus und sein Wort führen die Menschen zu der sichtbaren Gemeinschaft zusammen und einen sie. Die Menschen, die von Gottes Wort und Ruf gefangen sind, sind von selbst, ganz ungezwungen und gern ins Netz gegangen. Die Kirche als Netz bedeutet dann nicht Gefangenschaft, sondern Gemeinschaft, Einheit und Leben, ja Lebensmöglichkeiten.

Auch das habe ich als Kleinkind in meiner Familie erfahren. Das habe ich als Jugendlicher in der Kirche in unserem kleinen Dorf erlebt: die Gemeinde kann ein Ort der Freiheit und der Selbstverwirklichung sein - wenn man dem Ruf Gottes folgt.

Wenn Menschen aber spüren, dass sie ins Netz getrieben werden. Durch Zwang oder Drohung werden sie eingeengt. Sie haben Angst und ihnen bleibt nur die Flucht. Viele treten heute aus der Kirche aus. Sie fühlen sich nicht mehr in ihr beheimatet, sie ist ihnen fremd geworden, sie fühlen sich nicht mehr verstanden. Die Menschen erleben die Kirche nicht mehr als ein Ort der Freiheit und der Selbstverwirklichung, sondern sie fühlen sich unfrei, gegängelt und missbraucht. Man kann lange streiten, ob es am Netz selbst liegt, an den Fischern oder an den Fischen ‒ oder irgendwie an allen dreien.

Und wo stehen wir nun als Menschenfinger, als Menschenfänger?

Wir dürfen und sollen niemanden einfangen, belehren oder einschüchtern, sondern ihn und sie durch Gottes Wort zu einem Jünger oder einer Jüngerin Jesu machen. Nicht ich fange jemande, sondern das Wort Gottes, die Botschaft Jesu begeistert. Jesus selbst umwirbt die Menschen. Er spricht die Menschen dort an, wo sie ganz für das Wort offen sind. Sie müssen nicht geangelt oder gegängelt werden. Glaubensverkündigung hat nichts mit Täuschung oder Tricks zu tun. Dort wo Glauben gelebt wird, dahin kommen diejenigen, die Gott suchen, weil er sie ruft.

Wer heute Menschen für Gott fangen will, mus immer wieder die Netze prüfen und ausbessern. Er oder sie muss die Netze offenhalten, damit Fische von selbst kommen. Und das Wichtigste ist: Ich selbst muss ein von Gott Gefischter, damit ich legitim für ihn fischen kann und darf. Dann zählt nicht der Erfolg, sondern es zählt, dass ich dabei sein darf, wenn das Wort Gottes die Menschen anspricht, begeistert und vereint.“

Pater Elias und alle Brüder auf dem Zion und in Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag!