Adlerfügel

18. Juni 2023 | Impulse

Ein Sonntagsgedanke von Abt Nikodemus zum 11. Sonntag im Jahreskreis (18. Juni)

"Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe,
wie ich euch auf Adlerflügeln getragen
und zu mir gebracht habe." (Ex 19,4)

Dieses wunderbare starke theologische Bild aus der heutigen ersten Lesung trifft bei mir einen Glaubens-Nerv! Der Adler ist für mich eines der faszinierendsten Lebewesen unseres Planeten. Er strahlt für mich Schönheit, Eleganz, Freiheit, Macht, Intelligenz, Kraft, Ruhe, Lebendigkeit, Erhabenheit, Geheimnis und noch sehr viel mehr aus. Ich kann mich an einem Adler im Überflug, oder wie er zu seinem Horst heimkehrt, nicht satt sehen: Er ist der majestätische König des Himmels!

Ein Adler ist für mich DAS biblische Bild schlechthin für das Heilige, wie es Religionswissenschaftler Rudolf Otto als "Mysterium tremendum et fascinans" skizziert: ein Geheimnis, das zugleich erschreckt und fasziniert. Dieses unfassbar schöne königliche Tier, welches seinen Jungen einen Horst baut, ist zugleich ein schonungsloser Todesbringer für die Tiere, die er sich als Beute erwählt hat.

Der Vers aus dem Buch Exodus drückt das ja auch aus: Der Gott des Volkes Israel - zu dem wir Christen auch beten dürfen - hat die Ägypter vernichtet, um sein Volk auf mächtigen Adlerschwingen zu sich in die Freiheit zu führen...

Gott ist weder nett noch harmlos - von ihm kann ich mich unmöglich abwenden, er ergreift, befreit und bewegt! Gott, der mich sucht und trägt!
(Ja, ich weiß, dass das hebräische Wort "Nesher" wohl eher den Gänsegeier als den Adler bezeichnet, aber sowohl in der revidierten Einheitsübersetzung und auch in der Lutherübersetzung von 2017 sind als Übersetzung doch der „Adler“, der in Zentraleuropa doch bekannter ist, gewählt - und auch auf dem israelischen "Nesher"-Bier ist ja ein Bild von einem Adler zu finden...)


Abt Nikodemus und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!