Reisegepäck

25. Juni 2023 | Impulse

Predigt von Pater Jonas am 12. Sonntag im Jahreskreis

Die Predigt für diesen Sonntag habe ich zwischen gepackten und noch zu packenden Kisten mit all dem, was sich über die Jahre bei mir angesammelt hat, vorbereitet. Mit viel weniger Büchern und schönen, aber auch unnützen Dingen wäre ein Umzug viel leichter. Beim Packen fielen mir immer wieder Fotos von Menschen in die Hand, die mein Leben geprägt haben und schon auf die andere Seite des Lebens gerufen worden sind. So wurden in mir Erinnerungen wach, die tief in mir angelegt sind und viel gewichtiger sind als jedes Gramm oder Kilo meines Besitzes, den ich eingepackt habe. Innere Schätze nehme ich ganz viele mit auf meine weitere Reise. Jemand hat einmal, wie mir scheint, treffend gesagt: „Die längste Reise ist die nach innen“ ‒ das habe ich in den letzten Wochen deutlich erfahren, diese Reise ist nicht abgeschlossen, sie währt.

Zunächst geht diese Reise nun weiter nach Münsterschwarzach für einer besonderen Zeit der Recolletio, die meine letzten Wochen in einer Reha-Klinik mit vielen psychosomatischen Therapien geistlich weiterführen wird. Ich möchte eine neue Basis schaffen für meinen weiteren Weg als Benediktiner. Danach geht es weiter nach Jerusalem in unsere Abtei, um in unserer Gemeinschaft im benediktinischen Rhythmus zu leben. Neue Aufgaben, die ich gerne und beherzt angehen werde, warten auf mich.

Ich bin sehr dankbar für die Zeit, in der ich an diesem großartigen Ort Tabgha mit unserer besonderen Kirche, die ich in ihrer Klarheit und Schlichtheit lieben und schätzen gelernt habe, verbringen durfte. Vor allem bin ich aber dankbar für das Geschenk der wunderbaren Brotvermehrung, die diesem von Evangelium Jesu durchdrungenen Ort bis heute ungebrochen seine Anziehungskraft verleiht, und uns, die wir hier leben, den Auftrag ins Herz und in die Hände gibt: „Gebt ihr ihnen zu essen“. Vielleicht ist es mir in den zurückliegenden Jahren etwas gelungen, mit diesem Auftrag des Teilens in vielfacher Hinsicht ein glaubwürdiger Zeuge des auferstandenen Christus’ gewesen zu sein ‒ erfüllt von Tabgha führt mein Weg nun zurück nach Jerusalem.

Auch wir Mönche sind in den Rhythmus des Kommens und Gehens eingebunden. Bei aller Stabilitas, die im Endeffekt immer das bei IHM und bei sich sein meint, ist auch unser Leben nicht statisch. Das Leben ist immer voller Bewegung.

Sowohl das Evangelium des Matthäus als auch der Prophet Jeremia führen uns heute in den Texten des Sonntags Lebenssituationen vor Augen, die wir fürchten; Situationen, in denen Menschen anderen Menschen körperliche oder seelische Gewalt antun. Leider gehört dies zur Realität des Lebens, damals wie heute. Während meiner Reha habe ich von anderen Patienten immer wieder gehört und erfahren, wie tief Seelen verwundet sein können, durch frühkindliche Gewaltanwendung oder Missbrauch. Erschrocken und zutiefst berührt habe ich gelernt, wie diese Wunden das gesamte Leben durchziehen und es immer wieder heilende Prozesse bedarf. Immer wieder bricht diese Wunde auf und schreit nach Heilung. Gut, dass es dann sehr einfühlsame und fachlich kompetente Therapeuten gibt, die helfend und heilend zur Seite stehen und das Selbstbewusstsein stärken helfen.

In den Worten aus dem Buch Jeremia begegnen wir einem Propheten, der daran glaubt, dass Gott, selbst wenn ringsum Grauen herrscht, die Dinge fest in der Hand hält und nicht loslässt. „Fürchtet Euch nicht!“ ruft uns auch Jesus aus dem Evangelium zu. Seine enge Verbundenheit mit seinem Vater will er in uns tiefer einprägen, damit wir vertrauensvoller durch das Leben gehen. Jesus vertraut uns sogar seine frohe Botschaft, sein Wort an! „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag“. Dieser Satz ist ein kleines Sprachspiel. Das Evangelium wächst von innen nach außen, vom Kleinen ins Große, vom Schwachen ins Starke, von der Nacht in den Tag. Mutig ist das! Der Tag wird erst hell, wenn die Wahrheit öffentlich wird. Diese Worte machen mir Mut, aus dem Bann der Angst herauszutreten und die Dinge dieser Welt beim Namen zu nennen.

Lasst uns darauf vertrauen, dass wir auf dem Weg der Nachfolge ganz persönlich wahrgenommen sind mit Haut und Haaren. Unser Gott will uns nicht das Fürchten lehren, sondern Vertrauen wecken. Gottvertrauen und Zutrauen zum Nächsten und ein gesundes Selbstvertrauen, das alles gehört zusammen. Je mehr wir uns vom Vertrauen leiten lassen, umso mehr werden wir erleben, dass es stimmt, was wir im Ersten Johannesbrief lesen: „In der Liebe gibt es keine Furcht, denn Gottes vollkommene Liebe vertreibt jede Angst.“


Pater Jonas und alle Brüder in Tabgha und Jerusalem wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!