Der heilige Josef: In Gottes Geheimnis hineinwachsen

19. März 2024 | Josef San Torcuato OSB| Impulse

Impuls am Josefstag

P. Josef San Torcuato OSB
P. Josef San Torcuato OSB

Die Kirche feiert heute den heiligen Josef, einen frommen Juden. Josef, der Gerechte, der einzige irdische Vater, den Jesus kannte.

Nähern wir uns dieser stillen, scheinbar so vertrauten Gestalt mit einem Text der Weltliteratur, der für mich selbst aufschlussreich und ermutigend war, als ich einmal nach Antworten gesucht habe. Er stammt aus einem Brief Rainer Maria Rilkes an den jungen Dichter Franz Xaver Kappus:

»Ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben.
Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.«

Mir scheint, das Leben Josefs wurde zu so einer einzigen großen Frage, und die hat er treu gelebt.

Es wäre so einfach gewesen, einfache Antworten auf die vielen Fragen zu geben, die ihn von dem Moment an umschwirrten, als die Schwangerschaft seiner Verlobten Maria nicht mehr zu verbergen war: „Was für eine Frau ist das? Von wem ist dieses Kind? Bin ich verrückt, weil ich ihr und meinen Gottesträumen Glauben schenke? Worauf läuft mein Leben hinaus?“ Seine Kultur damals wie auch die unsrige hat so einige Antworten auf all diese Fragen parat. Und doch: keine dieser Antworten hätte dem Geheimnis, in das er da hineingezogen worden war, gerecht werden können. Ich stelle mir mit Rilke gerne vor, dass dieser Josef „eines fernen Tages in die Antwort hineinlebte. Ganz allmählich, ohne es zu merken.“ Er vertraute dem Geheimnis, das er nicht verstand. Das Offenbar-Werden Jesu als Messias, als erhöhten Gottesknecht, als Christus hat er nicht gesehen. In das Offenbar-Werden seiner selbst aber als gerechter und treuer Zeuge dieser geheimnisvollen, ja, törichten Liebe Gottes, lebte er voll Vertrauen hinein.

Mit diesem Impuls wünschen Euch unser Namenstagskind und alle Brüder einen gesegneten Josefstag!