Gott als roter Faden des eigenen Lebens
19. März 2025 | Josef San Torcuato OSB| Impulse
Ein Gespräch mit Pater Josef zu seinem Silbernen Professjubiläum
Winter in Deutschland oder Sommer in Tabgha?
Winter in Tabgha… (lacht)
Das war nicht die Frage. (Josef lacht noch mehr)
Was bedeutet für dich Berufung?
Berufung heißt für mich dranbleiben an dem roten Faden, den ich mal irgendwann entdeckt habe, der mich anzieht und, ja, der mich nicht mehr loslässt. Und diesem roten Faden nachgehen. Dieser rote Faden heißt für mich: „Gott“ oder den nenne ich: „Gott“. Den identifiziere ich mit Gott. Und den möchte ich nicht loslassen. Und die möchte ich nicht vergessen.
Wann hast du den roten Faden das erste Mal entdeckt?
Ich glaube, ich war 14 und ich habe einen Artikel gelesen. In einer Zeitschrift. Darf man das sagen, „Best of Readers Digest“. Die gibt es nur im Supermarkt an der Kasse. Und das war ein Artikel über Jerzy Popiełuszko, einen polnischen Priester in Warschau, der sehr stark involviert war in den Aktivitäten der damaligen Gewerkschaft Solidarność und vom polnischen Geheimdienst entführt und ermordet wurde 1984. Und da war ein Artikel drin, und ich habe den gelesen.
Und ich habe gedacht, ich möchte so sein wie der. Ich möchte so sein wie der. Das will ich auch tun. Und erst im Nachhinein habe ich kapiert, wer das eigentlich ist. Ein Märtyrer. Ein Priester. Ich war noch nicht mal getauft in der Zeit. Aber irgendwie, das hat mich da so angesprungen und seitdem nicht mehr losgelassen. Ich möchte so sein wie der: Jemand, der für eine Sache geht, und für Menschen da ist.
Warum hast du dich taufen lassen?
Aufgrund dieses Artikels. Mich hat das fasziniert und mich hat das immer interessiert. Auch als Kind schon. Ich durfte immerhin in den evangelischen Religionsunterricht gehen. Und das fand es immer toll. Auf dem Weg zur Grundschule waren zwei Kirchen, die katholische und die evangelische Kirche. Die evangelische Kirche war immer zu unter der Woche. Die katholische Kirche war immer geöffnet unter der Woche. Und sie war „verboten“, also, es war nicht so gern gesehen. Also, es gab mal Stress meiner Eltern mit Vertretern der katholischen Kirche, und ich sollte bewusst nicht in die Fänge der katholischen Kirche geraten. Und das war mit einem Tabu verbunden.
Und ich glaube, auch gerade dieses Verbotene hat mich dann besonders gereizt. Was ist denn da? Und zusammen mit diesem ich sag mal mit diesem, ich sag mal: mit dieser Begegnung, mit diesem Priester durch den Artikel, habe ich dann eben gefragt: So, ja, und wie wirst du denn zu dem, den du da so toll findest? – Ach so, vielleicht solltest du mal über die Taufe nachdenken. Und so ging das dann Schritt für Schritt. In dem zarten Alter von 17 Jahren wurde ich dann in der Osternacht getauft und gefirmt. Bei den Franziskanern in Düsseldorf.
Wann hattest du den ersten Kontakt zum Heiligen Land?
Das war im März 1998. Ich war knapp zwei Jahre in einem anderen deutschen Kloster da, im Noviziat, hab das beendet, bin während der Noviziatszeit dort weggegangen und stand vor der Frage: Wie geht es jetzt weiter? Und habe dann Kontakt aufgenommen mit den Benediktinern in Meschede im Sauerland. Und die haben mir dann berichtet, ihr Pater Benedikt sei zum Abt gewählt worden nach Jerusalem, und der bräuchte Leute, ob wir nicht mal anrufen sollten. Und das haben wir dann gemacht. Und ich hatte Zeit.
Und eine Woche später bin ich dann erstmals nach Jerusalem gefahren. Und dann im Juli ein paar Monate später, eingetreten. Das war der erste Kontakt und ja, bis jetzt bin ich geblieben.
Du feierst dein Silbernes Profess-Jubiläum. Was war bisher schön und was war eher herausfordernd?
Also ich glaube, es ist derselbe Punkt, der gleichzeitig sehr schön ist und gleichzeitig extrem herausfordernd. Und ich würde sagen, das ist die Unmittelbarkeit des Lebens, des äußeren Lebens, aber eben auch des inneren Lebens – hier im Heiligen Land, an den heiligen Stätten.
Nicht umsonst gibt es ja die Tradition, das Heilige Land und seine Bewohner auch das Fünfte Evangelium zu nennen. Also auch dieses Land und seine Menschen sagen etwas darüber, wie Gott ist. Und das ist wunderschön und gleichzeitig extrem herausfordernd.
Was bedeutet für dich benediktinisches Leben – ein Leben in Gemeinschaft?
Ja, also unsere Lebensweise, die benediktinische ist eben per Definition eine Lebensform in Gemeinschaft. Und es gibt nicht den Weg. Es gibt sowieso nicht den geistlichen Weg oder den Weg zu Gott. Es gibt auch nicht den Weg im Kloster.
Natürlich geht jeder diesen Weg alleine, aber gerade in unserer Lebensform sind wir sehr stark aufeinander verwiesen. Und der Weg, den wir gehen: Benedikt von Nursia drückt das in seiner Regel so aus, dass Gott uns gemeinsam zum ewigen Leben führen möge. Und wir brauchen einander. Also wir können nicht einfach als Monaden nur für uns ganz individuell diese Beziehung zu Gott oder so oder zu uns selbst gehen.
Ja, das stimmt: Gottes Erkenntnis, zunehmende Gotteserkenntnis geht einher mit zunehmender Selbsterkenntnis – das ist auch nicht immer nur schön –, und auch mit dem Verstehen des Anderen, der mit mir geht, der mit mir unterwegs ist, der in dieselbe Richtung schaut. Und ich glaube, das bedingt einander. Und, ja, wir brauchen einander, um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren!
Zweifelst du manchmal an dem Weg, den du eingeschlagen hast?
Nein, ich zweifle nicht dran.
Natürlich gibt es Momente, wo ich keinen Bock mehr hab. Ja, aber… Wo mir eben der Andere, den ich doch meine, in- und auswendig zu kennen, und wahrscheinlich ist das ein Vorteil… – Aber das ist mir dann manchmal zu viel. Ich kann das nicht immer tragen oder ertragen, bringt nicht immer die nötige Geduld mit dem Anderen oder mit mir selbst auf. Und dann kommt es vor, dass ich schon mal innerlich das Handtuch schmeiße.
Aber so grundsätzlich all diese Lebensweisen oder das Ziel unseres Lebens: Da habe ich keinen Zweifel! Ich glaube auch, bin sehr zuversichtlich, dass es diese Lebensweise auch immer geben wird. In der einen oder anderen Form hoffentlich auch für mich.