Seit früher Morgenstunde hat sich unter inbrünstigen Gebeten und sinnvollen Zeremonien die Einweihung dieses Gotteshauses vollzogen.
Jede Kirchweihe ist etwas Großes, etwas Ehrwürdiges, etwas Heiliges; denn heilig ist für jeden Menschen der Ort, wo er in frommem Gebete sein Herz zu Gott erhebt und in froher Hoffnung den Gnaden des himmlischen Vaters entgegensieht.
Heilig ist uns die Stätte, wo der Gedanke an Gott, unseren Vater, uns alle wie Glieder derselben Familie verbindet... Erzabt Ildephons Schober OSB (1849-1918)
Mit diesen Worten beginnt Erzabt Ildephons Schober OSB (Beuron) am 10. April 1910, dem zweiten Sonntag der Osterzeit, seine Predigt am Kirchweihtag der Dormitio. 116 Jahre später haben wir den Jahrestag unserer Kirchweihe auf den heutigen 13. April verschoben, weil der 10. April selbst durch die Osteroktav verdrängt wurde.
Es ist klar: Erzabt Ildephons hält seine Predigt in einer anderen Zeit und faktisch sogar in einer anderen Welt, noch vor den beiden Weltkriegen und allen weiteren Kriegen zumal hier im Heiligen Land (bis heute), noch vor allen Bewegungen innerchristlicher Ökumene, geschweige denn interreligiöser Gespräche.
Insofern werde ich dem Erzabt nichts in den Mund legen, was er nicht sagt und auch nicht mitdenken kann in seiner Zeit. Ich höre, respektive lese, seine Worte aus 1910 aber als Dormitio-Mönch im Jahr 2026. Und sie berühren mich. Vor allem vor dem Hintergrund der vergangenen zweieinhalb Jahre, die das Miteinander der Religionen hier im Land und eigentlich weltweit vor neue Herausforderungen stellen. Und die ihnen auch neue Chancen bieten, wenn man sich darauf einlässt. – „Heilig ist für jeden Menschen der Ort, wo er in frommem Gebete sein Herz zu Gott erhebt“, sagt der Erzabt und: „Heilig ist uns die Stätte, wo der Gedanke an Gott, unseren Vater, uns alle wie Glieder derselben Familie verbindet...“
Wir haben in Jerusalem in den vergangenen Wochen hautnah erlebt, was es bedeutet, wenn Menschen der Zugang zu ihren jeweiligen heiligen Orten versperrt wird, seien die Gründe vielleicht auch noch sehr nachvollziehbar und vernünftig. – Aber wir Menschen brauchen diese Orte, um unser „Herz zu Gott [zu erheben]“.
Das Leid und die Angst, aber auch die Hoffnung und das gemeinsame Weitergehen in den vergangenen zweieinhalb Jahren, auch über Religionsgrenzen hinweg, zeigt uns immer wieder, wie sehr wir bei allen Unterschieden, eben doch auch „wie Glieder derselben Familie“ hier in der Heiligen Stadt und im Heiligen Land leben.
Dass der „Sion“, ein Schnitt- und Schmerzpunkt der drei abrahamitischen Religionen, in seiner Gesamtheit immer mehr ein heiliger Ort in diesem Sinn für alle Kinder Gottes ist, das wünsche ich mir, unserer Gemeinschaft und all unseren Gästen an diesem Kirchweihfest 2026!
Pater Basilius und alle Dormitio-Mönche wünschen Euch vom Zion und von Tabgha aus Gottes reichen Segen!