Weil wir davon leben, dass sie uns ertragen

13. September 2026 | Elias Pfiffi OSB| Impulse

Impuls zum 24. Sonntag im Jahreskreis

P. Elias Pfiffi OSB
P. Elias Pfiffi OSB

An diesem Samstag und Sonntag feiert man in Israel das jüdische Neujahrsfest: Rosh HaShanah. Neben einem besonderen Essen ist bei diesem Fest vor allem das Sich-Entschuldigen und das Verzeihen wichtig – für all die Fehler und Versäumnisse des letzten Jahres. Jemand anderen Vergebung schenken oder selbst Vergebung empfangen! Was von beiden fällt mir schwerer? Es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und darüber nachzudenken.

Und wenn ich schon beim Nachdenken bin – eine weitere Frage: Wie ist es mit der Vergebung für mich selbst? Wenn jemand skrupulös veranlagt ist, bringen ihn eigene Versäumnisse und Fehler an den Rand des Wahnsinns.

Aber als gewöhnlicher Mensch schaue ich meist leicht über meine eigenen Fehler, Versäumnisse und Schulden hinweg. Bei anderen jedoch werden selbst kleine Nachlässigkeiten und Unterlassungen zu großen Anstößigkeiten aufgebauscht. Frei nach dem biblischen Motto: der Splitter im Auge des Nächsten und der Balken in meinem eigenen (vgl. Mt 7,3).

Der Gutsbesitzer im heutigen Gleichnis wird zornig und ist aufgebracht, da er erleben muss, wie jemand seine immense Schuld erlassen bekommt, aber danach seinen eigenen Schuldner wegen einer geringfügigen Schuldensumme bestraft. Jeder und jede empfindet dies ebenso als eine große Ungerechtigkeit und Diskrepanz. Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen! So sprechen beide zu ihrem Geldgeber, in dessen Schuld sie stehen. Und doch könnte die Reaktion nicht unterschiedlicher sein.

Und dieser Widerspruch lenkt den Blick auf mich selbst. Wie steht es bei mir mit dem Verzeihen und Vergeben? Geduld und Verzeihung für mich – ja, auf jeden Fall; für andere aber – nein, auf keinen Fall.

Doch wissen wir, dass die Wirklichkeit nicht so einseitig ist und viele Perspektiven besitzt. Müssen wir nicht oft selbst lernen, dass wir dem anderen manches schuldig bleiben und wir davon leben, dass sie uns ertragen und vergeben?

Die Schlussfolgerung der Erzählung ist offensichtlich: Gott wird wie der Gutsbesitzer im Gleichnis „zornig“, wenn wir Menschen hart zueinander sind und nicht vergeben können. Haben wir wirklich vergessen, dass wir alle auf Barmherzigkeit und Verzeihen angewiesen sind?

Pater Elias und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche