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Vom Glanz der Heiligen Nacht in den Scherben unseres Lebens

25. Dezember 2017

Predigt von Pater Basilius in der Christmette in der Brotvermehrungskirche in Tabgha (2017)

Krippe in der Brotvermehrungskirche in Tabgha (2017). Krippe in der Brotvermehrungskirche in Tabgha (2017).

Wie eine kleine Insel liegt unsere Krippe da. Der heilige Felsen der Brotvermehrung ein Eiland mitten in Glasscherben. Der Immanuel, der Gott-mit-uns, umgeben von Scherben, die leuchten. Wie die Sterne der Heiligen Nacht. Denn das ist die Botschaft dieser Nacht: „Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“, (Jes 9,1).

Der Gott-mit-uns ist gekommen, um auch unsere Finsternis zu erhellen, um auch unsere Scherben mit Seinem Licht wieder heil zu machen.

Der Immanuel in den Scherben unseres Lebens

Scherben bringen Glück, sagt das Sprichwort. Aber wer spricht schon wirklich von Glück, wenn er vor den Scherben einer Beziehung oder eines Lebensabschnittes steht? Bei all dem Schönen und Berührenden dieser Nacht und des Weihnachtsfestes – wir leben nicht in einer heilen Welt, es gibt Gebrochenes und Zersplittertes. Schon in den Tagen der Weihnachtsoktav feiern wir mit Stephanus und den Unschuldigen Kindern gleich zwei markante Märtyrer-Feste: Gewalt und Tod, Blut und Leiden schon so nah an der Krippe. Aber genau deswegen ist ER ja auch Immanuel. Jesus nimmt das Gebrochene und Zersplitterte nicht einfach weg von uns, so wie ER selbst nach Ostern den Jüngern Seine Wundmale zeigt. Vielmehr hilft ER uns, unsere Wunden und Risse anzunehmen, aus ihnen womöglich neues Leben und neue Liebe erwachsen zu lassen. Lichter aus unseren Scherben.

Der Immanuel in den Scherben unserer Gesellschaften

Die Scherben unter unserem Altar sind schon etwas glattgeschliffen. Sie erinnern mit ihrer matten Oberfläche ein bisschen an Meerglas: Glasstücke, Scherben, die von den Wellen und vom Sand der Ozeane hin- und hergetrieben wurden und so auf natürliche Weise geschliffen und abgerundet wurden, ein schönes Bastel- und Dekorationsmaterial. – Doch werden in den vergangenen Jahren nicht nur solche Scherben von Sand und Wellen bewegt und getrieben. Weiterhin sind es besonders auf dem Mittelmeer Flüchtlinge aus Afrika, die auf schlechten Booten ihr Leben riskieren, um doch nach Europa zu kommen. – Auch das gehört zu dieser Nacht, zumal auch Maria, Josef und das kleine Kind schon bald nach der Geburt fliehen müssen: Politische und gesellschaftliche Umstände, Krisen, Kriege und Katastrophen, Gewalt und Verfolgung, wirtschaftliche Not und Perspektivlosigkeit lassen das Leben von Menschen zerbrechen. Und sie machen sich auf, ein neues, ein besseres und glücklicheres Leben zu suchen und zu finden. „Friede bei den Menschen seiner Gnade“, (Lk 2,14). Neues Licht in die Scherben gebrochener Existenzen.

Der Immanuel in den Scherben unserer Müll- und Wohlstandsberge

Und ganz profan betrachtet, sind diese Scherben letztlich Müll. Und davon haben wir auf dieser Erde weiterhin viel zu viel. In den Industriegesellschaften ebenso wie in den Ländern mit anderem Entwicklungsstand. Diese Scherben um unsere Krippe stehen auch für unseren Wohlstand und die fragwürdigen Füße, auf denen er steht; sie stehen für eine Konsumkultur und Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit, mit der wir immer noch mit den Ressourcen unserer Erde und mit unserer Natur umgehen. Und sie stehen auch für eine ungerechte Verteilung dieser Ressourcen, für die Schere zwischen Arm und Reich auf diesem Planeten. – Der Friedenskönig, dessen Geburt wir in dieser Nacht feiern, ER wendet sich den Armen und Benachteiligten zu. Zugleich bekennen wir IHN im dreifaltigen Gott als den Schöpfer – vor aller Zeit, und jetzt und bis in Seine Ewigkeit. ER ist der Gott des Lebens und der Barmherzigkeit, der Liebe und der Zuwendung. Immanuel auch dort, wo der Schöpfung und den Kleinsten der Schöpfung Gewalt und Unrecht angetan werden, wo sie Zerstörung und Ausbeutung erleiden müssen. Die Scherben unseres Wohlstands, der Immanuel hält auch sie in seinen Händen.

Detail der Krippe in der Brotvermehrungskirche in Tabgha (2017). Detail der Krippe in der Brotvermehrungskirche in Tabgha (2017).

Ob Scherben nun wirklich Glück bringen, mag dahingestellt bleiben. Aber beim Polterabend und bei der Taufe eines Schiffes lässt man es ja bewusst auf Scherben ankommen und verbindet damit auch gute Wünsche für die Zukunft. – In diesem Sinne habe ich drei Wünsche in dieser Heiligen Nacht:

Drei Wünsche von mir und uns an das Geburtstagskind, die zugleich drei Wünsche des Geburtstagskindes an uns sind – als Zusage und Auftrag in gleicher Weise. Und damit mögen es auch meine Festtagswünsche an Euch und Sie in dieser festlichen Nacht sein, meine Wünsche für diese Nacht und das neue Jahr, das bald beginnt:

Licht in den Scherben unsere Beziehungen

Ich wünsche mir erstens, dass wir im kommenden Jahr mit Jesus an der Seite immer wieder den Mut finden, die Scherben unseres Lebens und unserer Beziehungen anzuschauen. Damit wir sie entweder mit Vorsicht und zugleich Entschlossenheit reparieren und heilen können oder sie in ihren Brüchen annehmen und akzeptieren können, weil Zerbrochenes manches Mal auch Dinge freisetzt und neue Durch- und Einblicke erlaubt.

Licht in den Scherben der Kriege und Katastrophen

Dann wünsche ich mir zweitens, dass immer mehr Menschen sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, im Kleinen und im Großen. Denn Jesus preist die selig, die Frieden stiften und die Barmherzigkeit üben. – Ich wünsche mir deshalb, dass Fenster von Wohnhäusern, Kindergärten und Krankenhäusern nicht mehr durch Kriege und Gewalt zersplittern und dass Kindertassen und Porzellan-Puppen nicht mehr in Scherben zerspringen und dass nicht mehr so viele Familien und Volksgruppen vor den Scherben ihres bisherigen Lebens und ihrer Gesellschaften stehen, so dass ihnen nur noch die Flucht bleibt.

Licht in den Scherben der Schöpfung

Und drittens wünsche ich mir, dass wir mit dem Kind von Bethlehem, wenn es in den Texten unserer Gottesdienste neu heranwächst, wenn es die Menschen und die Schöpfung neu aus den Augen eines Menschenkindes zu sehen lernt, dass auch wir mit Seinen liebenden Augen die Schöpfung und die Menschen neu sehen lernen, damit wir wacher, liebevoller, verantwortungsvoller mit den Gaben des Schöpfergottes umgehen lernen.

Im Namen Jesu, des Messias, des Immanuel, des Kindes von Bethlehem, wünsche ich uns allen weniger Müll-Scherben, keine Scherben mehr, die Menschen zur Flucht zwingen, und weniger Scherben in unseren Beziehungen. Im Angesicht des Stalles von Bethlehem und im Glanz der Heiligen Nacht wünsche uns mehr Licht aus unseren Beziehungen, mehr Licht für die Völker dieser Erde und mehr Licht für Gottes gute Schöpfung.

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ (Jes 9,5)

Von Herzen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

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