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Requiem für Getrud Selb

21. November 2016

Der Mensch gleicht einem Buch. Das Titelblatt ist die Widmung für die ganze weitere Handlung. Manche Kapitel des Buches sind voller Leichtigkeit, andere beschreiben Lebensabschnitte, die Schweres beinhalten. Wieder andere sind wie gemalte Bilder, Farben über Farben, Figuren, Menschen. Ganz andere Seiten und Kapitel beschreiben in unterschiedlichen Nuancen Phasen des Ringens im Leben und Glauben, der Freude am Leben und des Miteinanders, des Alleinsein und der Gemeinsamkeit, des Füreinander da Seins und der Sorge und Mitsorge für andere. Auf wieder anderen Seiten dieses 73 Kapitel umfassenden Buches kritzeln manche ungebeten etwas hinein, das nachdenklich stimmt, vielleicht auch traurig macht. Und auf der letzten Seite dieses Lebensbuches steht sichtbar oder unsichtbar das Wort Ende.

Liebe Trauergemeinde, liebe Schwester von Gertrud, Frau Klumeyer, liebe Familienangehörige, lieber P. Vinzenz, liebe Mönche, Schwestern und Brüder.

Ich möchte dem Titelblatt dieses besonderen Buches die Widmung für Gertrud vom Glauben her verstehen. Von allem Anbeginn, seit dem 5. Februar 1943, Ihrem Geburtstag in Wien, steht über diesem Leben in großen Lettern das verheißungsvolle Wort: „Ich bin da!“ oder wie Martin Buber den geheimnisvollen Gottesname übersetzt: „Ich bin da, wo du bist!“ Über allen Höhen und durch alle Tiefen war Gertrud davon überzeugt, Gott ist da.... Gott ist mit mir und Gott ist in mir, denn ich bin sein Geschöpf. Das hat sie gelebt und daran hat sie fest geglaubt.

So durfte ich sie kennenlernen.
Jene Frau, die mit jungen Jahren in den Karmel in Mariazell eintrat und den Namen Sr. Maria Amata erhielt, nach einigen Jahren in den Karmel nach Nazareth wechselte, dort auch, wie sie mir einmal erzählte, neben allem anderen Freude an der Gartenarbeit hatte und hier in einem ganz anderen kulturellen Kontext im Glauben um ihren von Gott bestimmten Weg rang. Schließlich bekam sie Kontakt zu uns Benediktinern in Tabgha, namentlich zu P. Vinzenz. Als sie erkannte, dass auch dieser Weg vielleicht doch nicht der richtige für ein ganzes Leben ist, arbeitete sie bei uns in Tabgha im Klosterladen und half an vielen Stellen im Kloster mit und unterstützte so in Gebet und Arbeit die kleine Tabgha Gemeinschaft.
Schließlich wechselte sie von Tabgha nach Jerusalem und wieder war es P. Vinzenz, der sie zu diesem Schritt ermutigte und Brücken dafür baute.
Hier in der Dormitio arbeitete sie bis zu ihrer Pensionierung in unserem Klosterladen als Angestellte. An vielen Stellen in Kirche und Kloster unterstütze sie uns mit Ihrer Kreativität und künstlerischen Ader beim Kirchenschmuck an den hohen Festen, beim Binden der Kräutersträußchen für Maria Himmelfahrt und vielem mehr. Und was auch nicht unerwähnt bleiben darf, sie war, wann immer sie konnte, bei Wind und Wetter präsent im Gebet, indem sie das bewahrheitete was ich als Widmung auf die erste Seite ihrer Lebensbuches schrieb: „ Ich bin da“ - „ Ich bin da, wo du bist“.

Das hat sie eingelöst, indem Sie dort oft und oft war, wo Gott ist, im Hören auf sein Wort, im Beten und Singen der Psalmen, in der aktiven Mitfeier der Stundenliturgie und der Hl. Messe. Dann aber auch im Danach in der Sendung und in der Übernahme von Verantwortung für unseren P. Vinzenz. So waren Gottesdienst und Menschendienst eng miteinander verknüpft für unseren Senior im täglichen Spaziergang,im aufmerksamen Hinschauen und in der Versorgung mit lebensnotwendigen Dingen.
Wenn man in ihre kleine Wohnung im Armenischen Viertel der Altstadt kam, konnte man ihr künstlerisches Talent bewundern in vielfältig gemalten Bildern in Öl, auf Seide, als Aquarell. Dies alles und noch viel mehr, das wir nicht wissen, das im Verborgenen bleibt. Das Ganze ihres Lebens ist aufgehoben in Gott, an den sie geglaubt, auf den sie gehofft und den sie geliebt hat. Kehren wir noch einmal zurück zum Vergleich dieses Lebens von Gertrud von 73 Jahren mit einem Buch. Wenige Tage vor ihrem überraschenden Tod begegneten wir uns. Wir sprachen so im Vorbeigehen miteinander und sie sagte mir, mir geht es zurzeit nicht so gut. Ich glaube, ich sterbe noch vor Vinzenz. War das eine Vorahnung Ihres nahen Todes? Ich weiß es nicht, Gott allein weiß es. Und wenn auf den letzten Seiten eines Buches sichtbar oder unsichtbar Ende steht, so steht für uns Christen zugleich Anfang dabei. Es ist auch tröstlich zu wissen, dass in der Nähe ihres Bettes, nachdem wir sie tot in ihrer Wohnung fanden, das letzte Buch der Bibel aufgeschlagen lag, die Offenbarung des Johannes. Deshalb habe ich auch eine Lesung aus der Offenbarung ausgewählt, in dem vom Lebensbuch die Rede ist. Jenes Buch in dem Christus von sich sagt:„ Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte und der Lebendige.“ Offb 22, 13

Als Christen sind wir davon überzeugt, und das dürfen wir mit Fug und Recht auch von Gertrud sagen, beginnt mit dem Ende des Lebens ein neuer Anfang bei Gott, dem Lebendigen.
Den geheimnisvollen Gottesnamen: „Ich bin da“ hat Jesus in seinem Leben bewahrheitet, indem er selbst das Ja Gottes war und ist. In seinem Lebenszeugnis ist er das Ja Gottes geworden: „Ich bin das Brot, Ich bin das Licht, Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

Schließlich bezeugt uns der gekreuzigt Auferstandene: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt wird leben auch wenn er stirbt. Und jeder der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.“ Joh 11,25+26

So möchte ich auch den Hymnus aus unserem Toten Offizium für Gertrud und für uns alle verstehen:

„Wenn wir im Tode leiblich zerfallen,
sind wir im Geist schon
jenseits der Schwelle
ewiger Nacht.

Denn in der Quelle lebenden Wassers
tauchte uns Christus bei unserer Taufe
in seinen Tod.

Sind wir im Sterben mit ihm begraben,
wissen wir gläubig,
dass auch sein Ostern
er mit uns teilt.“

Gott, der „Ich bin da“ und Jesus Christus, der die Auferstehung und das Leben ist, möge Gertrud Anteil an seinem Ostern in Fülle schenken.
Danke Gertrud für Dein Lebens- und Glaubenszeugnis in unserer Mitte.

Amen

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