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Sieben Wünsche zum Geburtstag unserer Kirche

23. Mai 2017

Brotvermehrungskirche in Tabgha Brotvermehrungskirche in Tabgha

Predigt von Pater Basilius am Hochfest des Jahrestages der Kirchweihe in Tabgha (23. Mai 2017)

Liebe Schwestern und Brüder,

„Magic City“ lautet der Titel einer bemerkenswerten Ausstellung, die ich letzte Woche in München erleben konnte – „Die Kunst der Straße“ ist der deutsche Untertitel.

Mehr als 60 international renommierte Künstler aus 20 verschiedenen Ländern haben ihre Werke beigetragen: Mit Spraydosen, mit Pinsel, Filzmarkern und Kreide, ganze Installation, Miniaturen und Fotografien. Was in den 70er Jahren in Städten wie New York mit Namenskürzeln, schnell an eine Hausecke gekritzelt, begann, wurde immer sichtbarer im Bild moderner Städte, an den Wagons von Straßenbahnen und Zügen, an den Wänden von U-Bahnhöfen und Unterführungen. Inzwischen ist es ein eigenes Gebiet anspruchsvollen künstlerischen Ausdrucks. Nach wie vor oft im Bereich des höchstens Halblegalen, immer noch verschmäht und verachtet als Vandalismus und Beschmutzung.

Aber es ist grell, es ist anstößig, oft politisch provozierend und kritisch, mitunter geheimnisvoll und rätselhaft, gar nicht so selten ästhetisch durchaus ansprechend. Keineswegs nur eine Sache flaus-köpfiger Teenager, die Großen der Szene sind inzwischen in ihren hohen 60ern.

Und wir feiern heute Kirchweihfest hier in Tabgha. Es scheinen zwei verschiedene Welten zu sein, die Magic City und die Brotvermehrungskirche.

Aber wenn man einmal Luft holt und sich zurücklehnt, gibt es vielleicht viel mehr Gemeinsamkeiten zu erkennen, als man zunächst meint.

Am Weg

Die erste ist, dass wir es in beiden Fällen mit öffentlichen Räumen zu tun haben. Mehr noch: Um Wege und Straßen. Wir Mönche und Schwestern, die wir hier bleiben wollen, sind eine etwas merkwürdige Ausnahme. Denn die meisten, die es mit Tabgha und unserer Kirche zu tun bekommen, sind nur im Durchlauf, sind unterwegs. Viele unserer Besucher nehmen daher die Botschaft der Brotvermehrungskirche, wiewohl anderer Qualität und Tiefe als viele Street Art-Werke, ähnlich auf wie ein Graffiti oder eine angemalte Hauswand: Im Vorbeilaufen. In der Öffentlichkeit. Am Weg. Was wir heute Tabgha nennen, war schon zu Jesu Zeiten ähnlich wie heute, ein Ort des Durchlaufens, ein Ort am Weg.

Einfachheit und Wirkung

Das muss mitnichten bedeuten, dass die Botschaft nur beiläufig im Sinne von oberflächlich aufgenommen wird. Sowohl unser Ortsevangelium wie auch etliche Beispiele der Straßenkunst sind einerseits sehr einfach und eingängig, und können daher andererseits ihre Wirkung im Betrachter und Hörer auch noch viel später entwickeln. Und das ist schon eine zweite Gemeinsamkeit: eine gewisse Schlichtheit, die ein große Wirkung entfalten kann. – Und alle wurden satt…

Die Vielen

Eine dritte Gemeinsamkeit von Street Art und dem Evangelium erkenne ich in denen, die es damit zu tun bekommen: Die Vielen. Street Art ist kein Phänomen dörflichen Kunsttreibens. Street Art braucht die Metropole mit ihren Gebäuden und Strukturen und Plätzen – und eben die vielen, vie-len, die dort leben und arbeiten und vorbeikommen. Der Ort der Brotvermehrung ist nun gewiss keines der großen Zentren unserer Welt. Aber es war damals und ist bis heute ein Ort der Vielen.

Name und Gesicht

Aber das Faktum der Vielen bedeutet keineswegs Anonymität. Es ist geradezu eine der Keimzellen von Street Art, dass die Jugendlichen der Metropolen der 70er Jahre sich gegen die Anonymisierung der Städte auflehnten, indem sie ihren Namen, ihr Kürzel, ihr Emblem an möglichst vielen Stellen hinterließen. Im Grau und Alltag der Großstädte suchten sie auf diesem Weg ihre Persönlichkeit zu wahren.

Und genau das tut Jesus hier in Tabgha auch: Er schaut auf den Einzelnen, wendet sich den Menschen in ihren Leiden und Verwundungen an Leib und Seele zu. – Eine vierte Gemeinsamkeit: Es geht letztlich um den Einzelnen, seinen Namen, sein Gesicht: Gott selbst lässt sich hier in Tabgha in sein barmherziges und liebevolles Gesicht schauen, und Er schreibt in jedes Gesicht, das sich von IHM anblicken lässt, Seinen Namen. Fast so wie die Jugendlichen in New York und anderen Städten am Beginn der Street Art-Bewegung.

Ratten

Der Blick auf den Einzelnen in Not, auch das findet sich in der Kunst der Straße: Immer wieder geht es um die, die am Rand stehen, die Ausgegrenzten, die Zurückgelassenen. Street Art selbst scheint ja ein bisschen ein Schmuddel-Image anzuhaften, etwas Asoziales, Untergründiges. Kaum Wunder, dass die Ratte eine Art Motto-Tier für eine ganze Reihe von Straßenkünstlern geworden ist. Intelligent, und doch verstoßen, abstoßend aber unterschätzt. Was Ihr einem der Kleinen tut…

Eine fünfte Schnittmenge der scheinbar so unterschiedlichen Kreise um Graffiti-Künstler und den Herrn, der Brot und Fische teilt. Es ist die Aufforderung zum Perspektivenwechsel, wenn wir durch die Straßen der Menschen gehen, wenn wir – mit Papst Franziskus – uns auch an die Ränder wagen…

Die Welt verbessern

Gebt Ihr ihnen zu essen. Ein weiterer Perspektivwechsel unseres Ortsevangeliums. ER, der Herr selbst, nimmt die Jünger, nimmt uns in die Pflicht und ruft uns zur Verantwortung. Das ist provozierend und herausfordernd. Das verbindet als eine sechste Gemeinsamkeit Street Art und das Geheimnis der Brotvermehrung: Beide legen sie den Finger in die Wunden der Zeit und der Menschen.

Der Hunger der Fünftausend an Leib und Seele, Umweltverschmutzung und Ausbeutung, Krieg, Terror und Flüchtlinge: Es gibt Dinge in dieser Welt, die dürfen nicht verschwiegen werden, die müssen benannt werden.

Das tun viele Straßenkünstler in ihren Werken, manchmal schmerzhaft. Und das tut Jesus.

In beiden Fällen aber ist es keine Schwarzmalerei und kein Fatalismus. Es ist vielmehr der Appell und die Zusage und Ermutigung, die Welt zu verbessern. Gebt ihr ihnen zu essen… Es ist unsere Aufgabe und unsere Chance, diese Welt etwas besser zu machen!

Mitten drin!

Eine siebte und vorläufig letzte Gemeinsamkeit möchte ich benennen: Wer da Vincis Mona Lisa, Picassos Guernica, Michelangelos David oder Beuys‘ eigenwillige Werke nicht sehen möchte, der kann ihnen aus dem Weg gehen, der muss in kein Museum gehen.

Street Art aber ist zumindest in den Großstädten fast allgegenwärtig. Mitten in der Stadt. – Mitten unter uns, singen wir in den Texten der Kirchweih-Liturgie immer wieder. Ein Bild nur, gewiss, ein anstößiges und vereinfachendes, zugegeben. Aber doch nicht ohne Analogie: Man kann Street Art nicht ohne weiteres aus dem Weg gehen, die Straßen dieser Welt sind voll davon.

Und Gott – der mitten unter uns Menschen wohnen will, hier in diesem Leben, in dieser Welt und auf diesen Straßen ebenso wie dereinst in dem, was wir mit der Himmlischen Stadt Jerusalem in ein weiteres Bild fassen, eine andere Art von Magic City – diesem Gott mitten unter uns, dem Imma-nuel der Krippe von Betlehem, des Seeufers von Tabgha, des Kreuzes von Golgotha und noch ein-mal des Seeufers hier – diesem Gott kann letztlich niemand, niemand aus dem Weg gehen…

Sieben Wünsche

Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern Kirchweihfest. Gewissermaßen den Geburtstag unserer Kirche hier in Tabgha. Und zu diesem Geburtstag stelle ich für unsere Kirche, das konkrete Gebäude und mehr noch für alle, die diese Kirche besuchen, und für unsere Kirche insgesamt, noch einmal diese sieben Kerzen auf ihren Geburtstagskuchen und wünsche uns allen damit in der Kraft des Heiligen Geistes das beste:

Ich wünsche mir erstens eine Kirche, die dort ist, wo die Menschen unterwegs sind,
und die zweitens gerade in einer selbstbewussten Einfachheit eine große Wirkung und Wirkgeschichte erfährt.
Es soll drittens eine Kirche der Vielen, der Verschiedenen sein können,
die viertens gerade so ihr Gesicht und ihren Namen, das Geschenk ihres Lebens je neu erfahren dürfen.
Und deshalb möge diese Kirche fünftens immer wieder am Rand stehen, unten, die Perspektive wechseln.
Denn so schärft sie ihren Blick, wo es fehlt, und sie kann sechstens ihren Beitrag leisten, diese Welt etwas besser und heiler zu machen.
Und dann wird siebtens an ihr kein Weg vorbeiführen, weil sie mitten unter den Menschen sein wird.
Zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes.

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